Phantastik: Zum Glück eine unendliche Geschichte

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Es ist jetzt vier Wochen her, seit sich die Phantastikszene in Berlin versammelt hat – oder genauer: seit sich die Mitglieder des noch jungen Verbands PAN (Phantastik-Autoren-Netzwerk) für ihr zweites jährliches Branchentreffen auf dem Campus der GLS-Sprachschule an der Kastanienallee eingefunden haben, um Vorträgen und Diskussionen zu lauschen, sich über den Stand der Dinge und die mögliche Zukunft phantastischer Literatur in Deutschland zu verständigen, sich gegenseitig Tipps zu geben, zu netzwerken, Spaß zu haben.

Was ist Phantastik?

Bücher und Geschichten, Hörbücher, Filme und Games, die sich über den Rand der Realität hinauswagen oder sie gänzlich verlassen, kann man unter dem Begriff Phantastik zusammenfassen. Es geht also im Grunde um Science Fiction und Fantasy in allen ihren Spielarten. Auch Horror, Steampunk, Geistergeschichten und Zeitreisen gehören dazu. Auf der Leipziger Buchmesse, über die ich bereits vor einigen Wochen berichtet habe, rotten sich die entsprechenden Verlage, Autoren und Leser in der sogenannten Fantasy-Halle zusammen und hecken gutgelaunt neue Projekte aus, verbrüdern sich bei Likör, Kaffee und Keksen.

Workshops mit Insidern und illustren Gästen

Eine ähnlich kollegial-freundschaftliche Stimmung herrschte auch beim PAN-Branchentreffen, obwohl es hier ans Eingemachte ging: Da gab es einerseits ganz praktisch orientierte Workshops, etwa von Tolino zu den Möglichkeiten, die das Self-Publishing bietet, von Autorin Susanne Pavlovic (Feuerjäger) zur realistischen Darstellung von Schwert- und sonstigen Kämpfen in der Fantasy, oder vom Institut für Innovation und Technik iit zur Stadt der Zukunft. Dieser Workshop wurde schnell zum kurzweiligen Gruppen-Brainstorming, bei dem Autoren und Verlagsmenschen gemeinsam eine mögliche Zukunft und eine dazugehörige Geschichte entwickelten, in der Stadt, auf dem Land, im Weltraum oder unter der Erde. Die klassische Frage, die sich Autoren stellen, „Was wäre wenn…?“ führt unter Gleichgesinnten schon nach wenigen turbulenten Minuten zu einem kleinen, spannenden Weltentwurf. Auch zu Hörspielen/Hörbüchern, dem Schreiben für Games und den tatsächlichen Problemen einer erdachten Zombie-Apokalypse waren Workshops im Angebot, also definitiv für jeden etwas dabei. All das fand am Donnerstagnachmittag statt, abgerundet von einer Gesprächsrunde mit mehreren Machern aus dem Hörbuchbereich: Sprecher Detlev Tams („Das ist echte Knochenarbeit!“), Autor Ivar Leon Menger und audible-Produzent Michael Treutler. Die drei gaben den Zuhörern spannende Einblicke in die komplexe Arbeit an den Geschichten, die so viele beim Autofahren, Bügeln oder zum Einschlafen hören. Gemeinsam mit dem Publikum erinnerten sie sich daran, dass die Liebe zu diesem Medium für die meisten mit den 3 ??? begann, und bedauerten im nächsten Atemzug, dass dem Hörspiel bisweilen immer noch das Prädikat „Kinderkram“ anhaftet.

Verfilmungen

Dieses Schicksal teilen auch Comic, Computerspiel und häufig die gesamte Phantastik. Während Science Fiction schneller ernstgenommen wird, gibt es nach wie vor allzu viele Menschen, die Fantasy in jeder Form nur belächeln. Insbesondere in Deutschland, wo wir sowieso immer noch gegen den Drachen „E gegen U“ kämpfen. Ernstzunehmende gegen Unterhaltungsliteratur. Trotz der großen Fangemeinde hat es das Fantasy-Genre daher oft schwer, auch in großen Formaten präsentiert zu werden, zum Beispiel in Film und Fernsehen. Dazu war das Podiumsgespräch am Samstagnachmittag sehr interessant und aufschlussreich, denn hier sprachen mehrere Macher Klartext: Zum einen Kai Meyer, erfolgreicher Autor, der sich nach eigenen Worten schon gar nicht mehr groß freut, wenn wieder einmal ein Buch von ihm für die Verfilmung „optioniert“ wird, weil das noch lange nicht bedeutet, dass dieser Film jemals entsteht. Dann Produzent Simon Happ, der erneut auf das Problem der Kinderkram-Schublade verwies: „Beim ZDF dürfen nur die Kinderprogramm-Leute Phantastik machen.“ Und zuletzt Regisseur und Produzent Huan Vu, der mit genrefilm.net versucht, daran auf lange Sicht etwas zu verändern. Gesprochen wurde unter anderem von der Schwierigkeit, fantastische Stoffe mit kleinem Budget und gegen die Übermacht der Schweighöfer/Schweiger-Filmwelt hierzulande ins Kino zu bringen, aber auch von den vielfältigen Unterschieden zwischen Deutschland und den USA, angefangen von der Stellung des Horrorfilms (funktioniert in den USA, hier bisher nicht), über den dramaturgischen Stil, der so völlig anders daherkommt (wobei die Lösung nicht sein kann, einfach den amerikanischen Stil zu übernehmen), bis hin zum neuen, autorenzentrierten Filme- und Serienmachen in den USA, Stichwort „Showrunner.“ Der eine große, in Deutschland produzierte fantastische Film, an den sich alle erinnern, ist Die Unendliche Geschichte, aber das war 1984, und auch das geschah mit amerikanischer Beteiligung.

Jede Menge guter Argumente für das Genre

Die unendliche Geschichte sollte an diesem Wochenende noch häufiger eine Rolle spielen, denn wieder und wieder nannten Autoren und Vortragende das gleichnamige Buch von Michael Ende als Auslöser und Beginn ihrer Liebe zur Fantasy, zur Phantastik. Für einige war die Flucht in eine andere Welt zwischen zwei Buchdeckeln gar lebensrettend oder begleitete sie in schwierigen Kindheits- und Jugendmomenten. Das allein sollte Argument genug für das Genre sein, aber Realitätsflucht und Eskapismus sind beileibe nicht der einzige Grund, Phantastik zu lesen, zu schreiben oder sich mit ihr zu beschäftigen.

Bergwerk und Schatzkammer

Das Institut für Innovation und Technik habe ich bereits beim Zukunftsworkshop erwähnt. Aber mit dem zusätzlichen Vortrag von Voker Wittpahl, dem Leiter des iit, über die Wechselwirkungen zwischen technologischem Fortschritt und den erdachten Welten, Maschinen und Gesellschaften von Jules Verne bis Kameron Hurley und Laurie Penny war das iit nur eine der Institutionen von „außerhalb“, die zur Vielfalt und Relevanz dieses Wochenendes entscheidend beitrugen. Denn erst wenn die Phantastik von allen Seiten in den Blick genommen, ausgeleuchtet, analysiert und auch gefeiert wird, können wir wirklich sehen, in welchem wunderbaren Bergwerk wir da alle graben und werkeln!

Dr. Christine Lötscher von der Gesellschaft für Fantastikforschung begann den Freitag mit einem Vortrag, der zunächst die gängigen Vorurteile vom Tisch wischte („eskapistisch, trivial, gewaltverherrlichend“), um dann daran zu erinnern, dass das Genre uns mit letzten Fragen, philosophischen Fragen konfrontiert, während uns die ausgedachten Welten versprechen, voller Geschichten zu sein, die noch erzählt werden können oder könnten. Wer die Unendliche Geschichte gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an die wiederkehrende Formel „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“ Das Phänomen der Fanfiction denkt diese unendlichen Möglichkeiten übrigens schlicht einen Schritt weiter und erzählt einfach eigene Geschichten im Universum eines anderen.

Vielleicht das Großartigste an der Phantastik ist aber, dass wir quasi Teil der Geschichte werden, mit allen Sinnen und Gefühlen in fremde Welten eintauchen, aber mit freiem Kopf, weil wir ja sicher zu Hause im Sessel sitzen. Mit Lötschers Worten: „In der Fantasy können wir den Schmerz über die Vertreibung aus dem Paradies genießen.“

Markt und Marketing

Nach solch hehren Worten ging es dann wieder hinab in die Niederungen der schnöden Realität. Bestsellerautorin romantischer Fantasy Marah Woolf machte ein paar Rechnungen zum Self-Publishing auf und zeigte, was an Aufwand nötig ist, um in diesem Bereich erfolgreich Bücher zu verkaufen. Darauf folgte eine pragmatische, teils auch pessimistische Diskussionsrunde zum digitalen Markt, vor allem weil der dem (gefühlt schon seit Ewigkeiten) sterbenden stationären Buchhandel den endgültigen Todesstoß versetzen könnte, aber wer weiß, wir haben ja immer noch die Wunderwaffe Buchpreisbindung, über deren Sinn und Zweck auch immer wieder diskutiert wurde.

Zwischenruf

Irgendwo da kam dann der Zwischenruf des streitbaren, wunderbaren Christian von Aster, der die berechtigte Frage in den Raum warf, wo denn bei all den Zahlen und den Verkaufsstrategien die Leidenschaft bleibt. Natürlich braucht es beides, wenn man vom Schreiben leben will (oder auch nur ein Taschen-, ein Trinkgeld), aber gerade wenn es um Erfolgsautoren geht, kann man schnell das Gefühl bekommen, da fehlt das Brennen, der Drang, die Leidenschaft, die am Ende des Besondere erschafft. Umgekehrt nützt natürlich alle Leidenschaft gar nichts, wenn niemand die Geschichten kennt und liest, die sich einer von der Seele und aus dem Herzen schreibt. Obwohl: Zumindest der Autor hat immer etwas davon, seine Geschichte zu erzählen, und sei es auch erst einmal nur dem geduldigen Papier oder dem Computer auf seinem Schreibtisch. Wenn nicht, hat er wohl die Berufung verfehlt…

Am Nachmittag erfuhren wir dann noch, wie eine groß angelegte und ziemlich schräge Marketing-Kampagne für ein Sebastian-Fitzek-Buch aussehen kann, die Leser und Blogger im Vorfeld einer Veröffentlichung quasi direkt in den Kriminalfall des Romans hineinzieht. Solche immersiven Marketing-Experimente können auch nach hinten losgehen, wenn die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität nicht mehr funktioniert. Daher sollten Schutzvorkehrungen getroffen werden, zum Beispiel können sich Leser online registrieren, wissen aber nicht, ob und wann sie Teil eines solchen Spiels werden. Das ist sicherer als einfach drauflos Hinweise zu streuen, die dann womöglich jemand allzu ernst nimmt.

Dazu kam in der folgenden Diskussionsrunde zur „Gamification des Alltags“, also zu Fiktion und Realität in der Phantastik im Allgemeinen, und im Computerspiel im Besonderen, ein Extrembeispiel aus ganz anderer Ecke, nämlich den Verschwörungstheorien: Pizzagate, eine Fake-News-Geschichte über einen angeblichen Kinderpornoring, der aus einer Pizzeria in Washington, DC heraus betrieben werden soll, hat einen allzu Gutgläubigen dort auftauchen und mit der Waffe um sich schießen lassen.

Die bösen Computerspiele

Und damit wären wir bei einem weiteren Vorurteil gelandet: Phantastik, Spiel und Fiktion werden ja nicht nur generell gern als Kinderkram oder Weltflucht abgetan, besonders im Bereich Computerspiel kommt ja beinahe reflexartig auch immer wieder der Vorwurf der Anstiftung zur Gewalt, der Abstumpfung, der Senkung der Hemmschwelle auf den Tisch. Dabei ist es doch viel interessanter zu fragen, ob man mit Spielen nicht auch ethische Fragen erlebbar machen kann: Schieße ich jedes Mal gleich, oder lasse ich Gegner auch mal leben, weil ich viel lieber diese virtuelle Welt erkunden, Städte bauen und Schätze finden möchte? Schleiche ich an den Orks vorbei oder starte ich ein Massaker? Auch Spielewelten bieten häufig eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die vielen Reflex-Kritikern gar nicht geläufig sein dürften.

In dieser anregenden Diskussion ging es außerdem um YouTuber, Taschengeldkäufe und Preisgestaltung, Kunstfreiheit und Kunstförderung, Jugendschutz und die generelle Frage der Verantwortung. In Zeiten von Fake News, viraler Verbreitung und einem Boom krudester Verschörungstheorien gibt es da eine ganze Menge offener Fragen, wobei der Hinweis, dass es Fake News nicht erst seit dem Internet gibt, auch ziemlich wichtig ist. Vom Begründer der Yellow Press und Boulevardzeitungen, William Randolph Hearst, stammt nicht umsonst der Spruch (als Anweisung für seine Reporter): „Ihr liefert die Fotos, ich mache einen Krieg daraus“.

Vielfalt der Blickwinkel

Ich denke, auch dieses Gespräch lebte von der Vielfalt der beteiligten Blickwinkel, wie die gesamte Veranstaltung: Auf der Bühne saßen in diesem Fall Alexa Waschkau, auch bekannt als Hoaxmistress, die in einem Podcast Verschwörungstheorien auseinandernimmt, Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und glühender Verfechter der im Grundgesetz verankerten Kulturfreiheit, die eben auch Computerspiele beinhaltet, Felix Schniz, der im Bereich Game Studies and der Universität Klagenfurt forscht, und Mirka Uhrmacher, Lektorin bei Community Editions, einem neuen Verlag für Social-Media-Influencer, deren Welt die Älteren oft kaum noch nachvollziehen können – oder wollen.

Auf ins Wunderland und zu den Waffen!

Neben all diesen inspirierenden Vorträgen und Diskussionen gab es außerdem jede Menge Kaffee- und Essenspausen zum Quatschen, ein Abendessen in einer lustigen Riesen-Pizzeria und das wunderbare „Gipfeltreffen der Phantastik“ am Freitagabend, bei dem Luci van Org und Christian von Aster die Zuhörer mit ihren Geschichten und Gedichten dazu brachten, wieder einmal ganz arg zu spüren, was das Besondere an der Phantastik ist: Unendliche Welten, die du mit allen Sinnen erleben und ganz tief fühlen kannst! In diesem Sinne lege ich jedem diesen kleinen Aufruf zu phantastischem Ungehorsam ans Herz, mit dem Herr von Aster einige im Publikum zu echten Tränen gerührt hat: Die Wunderlandmiliz braucht euch!

Fazit: Lest und schreibt fantastische Geschichten, und wenn ihr für das Genre brennt, werdet Mitglied bei PAN, dem Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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