Leipziger Buchmesse 2016

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Ich habe lange überlegt, wie ich denn diese vier Tage geballten Input zusammenfasse. Viele meiner Autorenkollegen haben bereits ihre Buchmesse-Nachberichte auf ihren Webseiten oder auf Facebook gepostet, scheinbar alle sind mit Messe-Blues und/oder Messegrippe heimgekommen. Ich denke, es ist Zeit für die Wahrheit, die ungeschminkte Wahrheit über die #lbm16, die Leipziger Buchmesse 2016. Also dann.

Trommelwirbel und Tusch

Donnerstagmorgen rein in den ICE, wunderschönen Platz auf dem Boden direkt vor dem Klo im Gang gefunden, und eine gute Stunde später in Leipzig Hauptbahnhof wieder rausgestolpert. Für den ersten Tag hatte ich mir 17,38 Veranstaltungen notiert, die ich besuchen wollte. Vorträge, Lesungen, und dann abends Netzwerken. Wichtige Themen wie die Frage, was Erfolg eigentlich ist, oder den Kampf des Jahrhunderts, althergebrachte Feuilleton-Kritiker gegen Neuland-Bücherblogger, SEO, Metadaten, die entscheidenden ersten vier Seiten eines Romans. Lauter wichtiges Zeug.

Eigentlich ein guter Plan

Aber stattdessen hat der Donnerstag letztlich folgendermaßen ausgesehen: Schon abgehetzt und verschwitzt in Halle zwei ankommen, lauter Bekannte treffen, den ersten Likör trinken. Mittags um zwölf Kinderbuchlesung, danach scheint schon der Weg in die angrenzende Halle, wo die interessanten Vorträge stattfinden, viel zu weit und kaum lohnend. Noch‘n Likör, noch mehr Bekannte. Verleger, Autoren, Blogger, Leser, als nordische Götter oder Mangafiguren Verkleidete. Ich meine, ich hab Kummer gesehen. Ganz blau angemalt, Kummer aus Alles steht Kopf, dem letzten großen Pixar Film. Ich hab ihr Likör angeboten und dann selbst getrunken.

Plötzlich ist es dann schon vier Uhr nachmittags. Jochen Malmsheimer, der Hausmeister aus Neues aus der Anstalt, liest vor einer gut gefüllten Halle mit verstellten Stimmen aus „Shakespeare Star Wars“, und alle grölen vor Lachen. Wunderbare Sache! Danach noch mal zurück zu der Ecke, wo man am ehesten Bekannte trifft und Likör bekommt, und dann ist es auch schon Zeit fürs Netzwerken. In der Stadt, in der Vodkaria. Wo ich mich nach all dem Likör doch lieber ein Bier gehalten habe, auch wenn es dort sicher drei Millionen unterschiedliche Wodkasorten gab. Zählen konnte ich sie nicht mehr. Habe aber neue Menschen kennengelernt und ganz alte wieder getroffen. Also nicht ganz alte Menschen, sondern ganz alte Bekannte.

Um zwei Uhr nachts mit der Kollegin in die Unterkunft. Bis mittags um zwölf schlafen.

Zweiter Messetag. Ich bin ja nicht nur Literaturredakteurin, sondern auch selbst Autorin. Daher eine Stunde „Meet & Greet“ am Verlagsstand. Nach all dem Likör des Vortages haben wir vorsorglich Sekt mitgebracht. Abwechslung muss sein.

Nächster Termin, nächster Beruf: Ich bin ja nicht nur Autorin, sondern auch Übersetzerin. Treffe also endlich meinen Hauptauftraggeber persönlich. Nach einer dreiviertel Flasche Sekt. Ich hoffe, ich kann mich dennoch auf Deutsch verständlich machen, und sitze also ein Stündchen bei (Überraschung!) Cola und weiteren Netzwerken.

Dann muss ich auch schon wieder eilen, durch die Mengen an Cosplayern, Buchinteressierten und Leuten, die scheinbar nur zum Trinken gekommen sind. Zurück in die Innenstadt, wo in einem dunklen Keller eine viereinhalbstündige Lesung über Mütter ansteht. Es gibt was zu trinken. Und es ist lustiger, als man vielleicht denken mag. Ich bin hin und hergerissen, ob ich nahtlos eine weitere mehrstündige Lesung zu Verschwörungstheorien anschließen soll – ach nein, die ist ja erst morgen Abend – ob ich nahtlos eine weitere mehrstündige Lesung mit Schauergeschichten anschließen soll, gehe dann aber doch lieber mit Herbergsmutter und Autorenkollegin libanesisch essen. Es gibt Rotwein, und ich kann sogar noch beurteilen, dass er gut ist. Eine Stunde früher im Bett als am Vortag.

Dafür ist der Samstag unglaublich produktiv.

Die Leipziger Autorenrunde steht an. Ein großer Saal, 18 Tische, alle voll besetzt, etwa 120-130 Verrückte, die hier etwas lernen oder vermitteln wollen. Autoren-Blinddate mit großen und kleinen Experten. Man setzt sich an einen Tisch, lauscht andächtig, stellt Fragen, macht sich Notizen, trinkt brav Kaffee oder Tee, und dann wandert man weiter. Zum nächsten Tisch, zum nächsten Input. Und das von 10 bis 17 Uhr. Mit Mittagspause zum Netzwerken. Und die Happy Hour, mit der das ganze abschließt, die braucht man dann auch ganz nötig. Es gibt Wein.

Mein Expertentisch-Input war besonders vielschichtig. Ich habe mir absichtlich ein Kaleidoskop an Themen ausgesucht, denn wenn der Schwindel mal nicht vom Likör oder Wein oder Sekt kommt, ist er eigentlich noch viel schöner. Wir sprachen also über folgende Fragen: Wie bringe ich mich, meinen Körper und meinen Geist, in die bestmögliche Stimmung zum Schreiben? Brauche ich einen YouTube Kanal? Wie finde ich meine Zielgruppe im Internet? Muss ich mir erst philosophisch darüber klar werden, dass ich sterblich bin, und in den Abgrund des Endlichen hinabschauen, um ein gutes Buch zu schreiben? Was sollte man als Übersetzer verdienen? Mit welcher Bildsprache funktioniert mein Buchcover? Und wann gibt‘s eigentlich Wein?

Gerade mal 6 Themen/Tische an einem Tag, von ganzen 54, die angeboten wurden. Die Autorenrunde kann ich uneingeschränkt jedem empfehlen, der schreibt, sich mit dem Gedanken ans Veröffentlichen trägt, oder einfach gerne erfahren möchte, was die Branche und die Macher gerade so umtreibt! Dazu kommt auch im Nachgang noch was… Stichwort Experten-Interviews!

Danach noch kurz auf ein Likör zurück zu den Bekannten und dem eigenen Verleger, und schwupps, schon wieder in die Stadt, Abendessen, diesmal ins Kollektiv, ein DDR Restaurant, in dem die Himbeerlimonade „Leninschweiß“ heißt. Aber Essen war gut. Und am Abend zur Abwechslung eine mehrstündige Lesung über Tauben, Männer im Zug, Schneewittchen und das Wunderland.

Ausklang mit Bier. Schlafen um zwei.

Sonntag dann endlich mal stöbern, Rundgang über die Messe, als Leserin, als Neugierige, als Buchinteressierte. Einen Rucksack vollgepackt mit Verlagsprogrammen, zwei Zeitungs-Probe-Abos abgeschlossen, einen mittelmäßigen Burrito gegessen, und dann das kleine Highlight im Vorübergehen: der ganz in schwarz gehaltene, von düster dreinblickenden Sicherheitsmännern bewachte, unangenehm große Stand des unangenehm rechten und blöden Compact-Magazins, ist irgendwie umgeben, umzingelt, umglitzert von lauter kleinen Verlagen für schwule Liebesromane. Regenbogenflaggen und Buchcover, von denen gleichgeschlechtliche Paare herüberlächeln. Kein Wunder, dass die Rechten echt schlechte Laune haben. Ich hab mir sagen lassen, dass sie außerdem an jedem Messetag um Punkt 14:30 Uhr Besuch von einer bunten Demo von Verlegern und Autoren gegen rechts bekamen, der sich spontan immer wieder zufällig Vorbeigehende angeschlossen haben. Schöne Sache.

Bevor diese Messe dann aber auch schon wieder unweigerlich ihrem Ende zuging, habe ich mir am Nachmittag noch den gläsernen Übersetzer angeschaut, eine kleine Live-Übersetzung aus dem Norwegischen, die von der Dame ganz souverän und nonchalant in den Rechner getippt wurde. Ja, genau so arbeiten wir. Manchmal.

Zum Abschluss drängt einem der Nachbarverleger noch einen Becher Met auf, denn der muss ja weg. Und so macht man sich gestärkt auf den Heimweg und grübelt, was denn nun im Messebericht stehen wird.

Am Ende habe ich nur sehr wenig Likör hinzugedichtet. So war das tatsächlich auf der #lbm2016. Und ich freue mich jetzt schon wieder aufs nächste Jahr. Die Liköre waren übrigens fast alle hausgemacht. Merke: Buchmenschen sind auch Genussmenschen. Und rühren noch mehr zusammen als nur Geschichten.

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